Kernfusion aus Südhessen?
Presseschau, Stellungnahmen und eigener Kommentar
Es gibt wohl kaum einen anderen umweltpolitisch relevanten Bereich, wo derart faktenfrei von führenden Politikern argumentiert wird, wie bei dem Thema Kernfusion. Vor allem glänzen damit Markus Söder und Friedrich Merz: Zukunftsenergie, mit der in Jahrzehnten Windkrafträder überflüssig werden sollen. Auch in der Hessischen Landespolitik (in Konkurrenz zu Bayern?) spielt dieses eine wichtige Rolle, wie bereits im Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD festgeschrieben.
Neben einer Reihe von fachlichen Einwänden, die speziell vom BUND Hessen und dem neuen Verein „Zukunft ohne Kernenergie“ vorgetragen werden, sollten auch grundsätzliche Aspekte beachtet werden. Hierzu mehrere kurze Thesen:
1. Großkraftwerke passen nicht mehr in das Design künftiger Stromnetze mit flexibler Stromeinspeisung für volatile Nachfrage. Das gilt vor allem für schwer steuerbare Grundlast-Kraftwerke. (Auch der Begriff „Small modular Reactor – SMR“ ist diesbezüglich irreführend).
2. Geldmittel für Kernfusions-Projekte in Hessen könnten sinnvoll in der tatsächlich anwendungsorientierten Forschung für den Ausbau erneuerbarer Energien eingesetzt werden, z.B. die Systemintegration verschiedener Erzeuger und Speichermedien. Das heißt: Geldmittel für aktuell notwendige Einzelschritte zur Erreichung von Klimaschutzzielen statt für imaginäre Zukunftsszenarien.
3. Politiker lassen sich leicht für Großprojekte begeistern, was vor allem beim Ausbau der Infrastruktur im Verkehrswesen (z.B. teure Straßen- und Bahn-Neubaustrecken mit Brücken- und Tunnelbauwerken und Energie-Infrastruktur (überdimensionierte Stromtrassen) der Fall ist. Unklar ist dabei zumeist, inwieweit hierbei verdeckte Lobbyarbeit aus Industrie und Bauwesen maßgebend ist. Ein gemeinwohlorientierter und umweltverträglicher Ausbau der Infrastruktur ist aber mit vielen zumeist kleineren Stellschrauben erheblich effizienter möglich.
4. Das System der Drittmittelfinanzierung in der Forschung lässt die Unterschiede zwischen klassischer Grundlagen- und aktueller Anwendungsforschung verschwinden. Die notwendige Akquisition von Geldmitteln zur Finanzierung von Forschungsmitteln provoziert geradezu falsche Versprechen zu möglichen Ergebnissen.
5. Es sollte mehr über digitale Effizienz und Suffizienz geforscht werden, statt über ressourcenverschlingende Steigerungen der Stromerzeugung. Für den künftigen Strombedarf wird vor allem auf die exponentiell anwachsende KI-Nutzung verwiesen. Forschungen zum Einsatz von Quantencomputern und Analogrechnern zeigen hingegen auf, dass künftig wachsende Rechenaufgaben auch mit drastisch weniger Energieaufwand leistbar sein wird.
Nachfolgend nun eine Presseschau aus Hessen, Stellungnahmen und Kommentare im Überblick. (KP)
Berichte aus Hessen
FR vom 18.12.2025: Hessen investiert 20 Millionen Euro in Kernfusion als Energiequelle
Ein Unternehmen aus Darmstadt will in Biblis ein Laserfusionskraftwerk zur Energieerzeugung entstehen lassen. Umweltschützer sehen allerdings Gefahren.
FR vom 12.12.2025: Kernfusion statt Atomspaltung im AKW Biblis
Eine Machbarkeitsstudie bestätigt: Das ehemalige Atomkraftwerk Biblis eignet sich für die Entwicklung von Fusionskraftwerken.
FR vom 14.3.2025: Hessen will globaler Vorreiter bei der Kernfusion werden – Rhein sieht „Gamechanger“
Die hessische Landesregierung will die Kernfusion mit viel Fördergeld in Hessen ansiedeln. Der BUND warnt bereits vor falschen Versprechungen.
Stellungnahmen des BUND Hessen
Themenseite: https://www.bund-hessen.de/klimaschutz-energiewende/kernfusion/
Die hessische Landesregierung will die Kernfusion mit viel Fördergeld in Hessen ansiedeln. Der BUND warnt bereits vor falschen Versprechungen.
Auszug aus Pressemitteilung vom 7.11.2025: https://www.bund-hessen.de/pm/news/allianz-zur-fusionsforschung-im-blindflug-in-die-sackgasse/
Anlässlich der Gründung der „Allianz zur Fusionsforschung“ durch sechs Bundesländer, darunter Hessen, stellt der Landesverband Hessen des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND Hessen) fest, dass die Aussagen der Ministerpräsidenten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. [..]
Für eine künftige Energieversorgung und den Klimaschutz wird Kernfusion schlicht nicht gebraucht – kostengünstige und sichere Alternativen gibt es schon. Der BUND Hessen fordert daher den Stopp der Förderung der Kernfusion. Neben dem Büro für Technikfolgen des Bundestags haben auch die Akademien der Wissenschaft und der VDE auf erhebliche Probleme der Kernfusion hingewiesen. Die Politiker der Bundesregierung und von sechs Bundesländern ignorieren diese Argumente und fahren in einem Blindflug in die Sackgasse der Kernfusion mit Verschwendung öffentlicher Gelder.
Joachim Wille in einem Kommentar
Auszüge aus einem Kommentar in der FR vom 20.2.2026
Der Kanzler verspricht billigen Strom durch Kernfusion. Doch Fachleute bleiben skeptisch. Ein Durchbruch ist frühestens 2040 realistisch. Die Kolumne „Öko-logisch“.
Toll, diese Kernfusion. Meint zumindest Friedrich Merz. Sind die Fusionskraftwerke erstmal da, wird der Strom so günstig, „dass man keine anderen Erzeugungsmethoden mehr braucht“, glaubt der Bundeskanzler. Dann können die hässlichen Windkraftanlagen weg, Solarmodule und Biogasanlagen braucht es auch nicht mehr. Das waren dann nur „Übergangstechnologien“, bis die CO₂-freie Fusion uns von allen Energiesorgen befreit. Schöne neue Welt. […]
Allein in Deutschland gibt es vier Start-ups, zwei in Bayern, zwei in Hessen, die Geld dafür einsammeln konnten. Marvel Fusion, eines davon, verspricht ein kommerzielles Kraftwerk bereits für Mitte der 2030er Jahre.
Gelingt das, ist es eine Sensation. Dafür gibt’s dann den Nobelpreis. Das DIW rechnet damit, dass die Fusion vielleicht 2040 oder 2050 kommt. Dann sind wir mit der Energiewende und flexibler Stromnutzung freilich sehr weit. Die neue Technologie müsste dann enorme Vorteile und Lösungen für ihren schwach- bis mittelradioaktiven Abfall bringen. Darauf sollte selbst Friedrich Merz sich nicht verlassen.
Harald Lesch im Interview
Physiker Harald Lesch spricht über Bayerns Kernfusions-Pläne: „Das muss irgendeine Magie sein“ (FR 10.3.2026)
Im Interview mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA erklärt der Plasma- und Astrophysiker Harald Lesch, wieso er ernste Zweifel an den Fusionsplänen aus Bayern hegt.
[…] Umso erstaunlicher ist es, dass jetzt der Eindruck entsteht, als wären wir kurz vor einem Durchbruch. Das ist aber keine Frage von einigen Jahren, sondern von mehreren Jahrzehnten.Wenn Sie sich die bestehenden Kernkraftwerke anschauen, kosten die zwischen 15 und 25 Milliarden Euro. Und daran sieht man das Problem, das hinter dieser Technologie steckt. Das sind Anlagen mit außerordentlich hohen Investitionskosten. Und um die wieder reinzubekommen, brauchen Sie einen 24-Stunden-Betrieb. Auf diesen Dauerbetrieb ist unser Energiesystem aber nicht ausgelegt. Wir benötigen Anlagen, die wir an- und ausschalten können. Außerdem muss ich anmerken, dass die Fusionsanlagen nicht ohne radioaktiven Müll auskommen, auch wenn der mit geringeren Zerfallszeiten daherkommt. Wir haben ganz andere Möglichkeiten, preisgünstig, außerordentlich flexibel und mit einer hohen Effizienz Grundlast anzubieten.
Welche Alternativen meinen Sie?
Wenn man sich die Zahlen bei der Energierevolution anschaut, die gerade über Windräder und Fotovoltaik überall auf der Welt stattfindet, dann sieht man, dass hier durch Massenproduktion viel günstiger Energie erzeugt werden kann. Wenn Sie an Fotovoltaik denken, da haben Sie die Module, einen Wechselrichter, ein paar Kabel, und dann müssen Sie das irgendwie ans Netz bringen. Der Preisabsturz bei PV, Windkraft und zuletzt auch bei den Batterien zeigt ganz deutlich, wo die Reise hingeht. Nämlich hin zu den erneuerbaren Energien. Große Maschinen, wie etwa Fusionskraftwerke, passen nicht mehr in den globalen Energiemix. […]
Die Nutzung von Kernkraft ist angesichts der erneuerbaren Energien, in Kombination mit Batterien, eigentlich eine Rohrkrepierer-Technologie. Das ist vorbei, weil sie wahnsinnig hohe Kosten und Risiken produziert. Denken Sie daran: Wir haben in Deutschland 1700 Castorenbehälter mit radioaktivem Müll an der Oberfläche stehen, die darauf warten, in ein Endlager zu kommen. Das wird überhaupt nicht mehr angesprochen.
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