Kunst und/oder Ökologie im öffentlichen Raum
Das Kunstwerk auf der Konstablerwache in Frankfurt als Beispiel für Defizite der Kommunalpolitik. Worum geht es? – Zusammenfassende Darstellung und Kommentar von Karl-Heinz Peil (Fotos: privat)
Infos zur Skulptur
Angekündigt wurde die Skulptur auf der Konstablerwache im Februar 2026 (siehe Bericht hessenschau.de vom 27.2.26). In dem Bericht des hr heißt es:
Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) spricht von einem ‚Gemeinschaftserlebnis‘, das die Konstablerwache ‚auf poetische und intelligente Art‘ transformiere. So entstehe eine Aufenthaltsqualität, die die Konstablerwache dann nicht mehr nur an Marktagen haben werde. ‚Wir wissen aus Erfahrung, dass eine gute Gestaltung Wertschätzung zum Ausdruck bringt und die Menschen in der Stadt sich dann auch anders verhalten.‘
Die Netzskulptur von Janet Echelman soll die Innenstadt befrieden, beleben und Frankfurt international strahlen lassen. Ina Hartwig sieht darin gar vollmundig ‚das sichtbare Symbol dafür, dass die Botschaft des WDC, Design for Democracy – Atmospheres for a better life tatsächlich wirksam wird.“
Offiziell eingeweiht wurde die Skulptur am 11.8.26 durch Oberbürgermeister Mike Josef.
Aus der Beschreibung der Infotafel:
„Wie ein riesiges Wolkenobjekt schwebt Janet Echelmans mehr als 200 Quadratmeter große Netzskulptur in über sieben Metern Höhe über der Konstablerwache. Die bewegliche Skulptur besteht aus hochfesten Polymerfasern, wie sie auch in der Raumfahrttechnik eingesetzt werden, und aus farbigen Netzsegmenten, die in traditioneller Fischernetztechnik geknüpft wurden. […]
Realisiert im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026, verweist das Werk auf komplexe Systeme gegenseitiger Abhängigkeit: ökologisch, räumlich und sozial. Es greift das WDC-Leitthema ‚Design for Democracy, Atmosphere for a better life‘ auf und wird in Frankfurt, einer Stadt der Vielfalt, zum Sinnbild für Zusammenhalt: Jeder Knoten zählt, jede Verbindung trägt zur Stabilität des Ganzen bei.
Mit A Sky Full of Hope lädt Echelman dazu ein, die Konstablerwache neu wahrnzunehmen – als Ort des Alltags, der Begegnung und er Vielfalt. […]“
Debatte über Skulptur als Vogelfang
Am 18. August musste eine Rabenkrähe in einer aufwendigen Aktion von der Feuerwehr aus den Maschen gerettet werden. Dieses führte zu vereinzelt heftigen Reaktionen. Eine Person aus Frankfurt stellte deshalb sogar einen Antrag an das örtliche Verwaltungsgericht auf Erlass einer einstweiligen Anordnung zur umgehenden Demontage des Kunstobjektes.
Diesbezügliche Entwarnung kam hingegen durch den Nabu. Der Ornithologe Bernd Petri wird in der FR vom 21.8. wie folgt zitiert:
„Es sei zwar nicht auszuschließen, dass sich Stadttauben oder Rabenkrähen darin verfangen könnten, wie zuletzt geschehen. Er gehe aber davon aus, dass die Vögel dabei keinen Schaden nehmen würden. Das Kunstwerk werde von vielen Menschen gesehen. Diese seien sensibilisiert und würden im Notfall die Feuerwehr kontaktieren. Die Feuerwehr könne einen Vogel schnell befreien. ‚Der Rabenkrähe, die im Netz gelandet war, geht es mittlerweile auch wieder gut.‘ Er gehe auch nicht davon aus, dass sich regelmäßig Vögel im Netz verfangen würden.
Die meisten Vögel sterben laut Petri durch Vogelschlag. Dazu zählten der Anflug gegen Glasscheiben, Autos, Flugzeuge, Züge.“
Hintergrund: DAM-Ausstellung „Heiße Städte“
Bis Anfang Februar 2027 ist im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt die Ausstellung „Too Hot“ – Heiße Städte zu sehen. Darin enthalten sind auch einige Darstellungen zu Frankfurt, das nicht unbedingt einen Vorbildcharakter hat, wenn man Zahlen und Bildmaterial von anderen europäischen Großstädten im Vergleich sieht.

Nachfolgend Ausschnitte aus zwei Tafeln der Ausstellung
Das Problem: Sommerhitze auf öffentlichen Plätzen
Über Kunst lässt sich streiten, nicht aber über die notwendigen Grundsätze zur Gestaltung öffentlicher Plätze in Frankfurt als derjenigen Großstadt Deutschlands, die bereits seit einigen Jahren am stärksten von tropischen Hitzewellen in der Innenstadt betroffen ist. Hierzu existiert auch für Frankfurt ein Hitzeaktionsplan. Siehe dazu meine Zusammenstellung:
Die Gestaltung öffentlicher Plätze müsste auf dieser Basis in Abstimmung zwischen Dezernaten und Ämtern erfolgen. Kunstwerke im öffentlichen Raum sollten unter Vorrang von (punktueller) Begrünung und ggf. vorgesehenen Sprühnebenanlagen per Ideenwettbewerb integriert werden. (Siehe dazu auch im Anhang den interessanten Leserbrief aus der FR vom 24.8.26).

In einem Beitrag der FR vom 21.8.26 zieht Frankfurts Klimadezernentin Zapf-Rodríguez Bilanz des heißen Sommers und kündigt mehrere Maßnahmen an.
Mit einem Neun-Punkte-Plan will die Frankfurter Klima- und Umweltdezernentin Tina (Grüne) die Stadt bis 2031 hitzeresilient machen. Sie setzt dabei auf die Zusammenarbeit in der künftigen Römer-Koalition aus CDU, Grünen, SPD und Volt – und auf gemeinsame Anstrengungen von Regierung und Opposition. […] Immerhin: „Die CDU in Frankfurt ist anders drauf als die Bundes-CDU“, urteilt die Dezernentin. Mit ihr will sie die neun Punkte angehen. Da geht es erstens um mehr Grün, gemäß der „3-30-300-Regel“: drei Bäume pro Wohnblock, 30 Prozent Grünanteil, höchstens 300 Meter bis zum nächsten Park. Zweitens: Schutz des bestehenden Grüns – eine von vielen Lehren aus dem Hitzesommer.
Entsiegelung ist der dritte Punkt; dafür solle die Stadt auch private Flächen ankaufen. Viertens: Dächer und Fassaden begrünen, da gebe es ’noch nicht viele Projekte‘, fünftens Kühlangebote. Das sei kurzfristig möglich, etwa in Museen und Saalbau-Häusern, aber in den ärmeren Stadtteilen besonders wichtig. Sechstens auf der Liste: Beschattung auf Plätzen und Kinderspielanlagen; Pergolen, Schirme oder am liebsten Bäume sollen dort bis 2031 ‚Standard werden‘. Bis dahin soll auch – siebtens – die Zahl öffentlicher Trinkbrunnen von gut 20 auf 30 anwachsen. Achter Punkt sind Nebelduschen, fünf Stück in belebten Stadtgebieten schon 2027, dann jährlich mehr. Und neuntens will die Stadträtin jene besonders schützen, die am Klimaschutz arbeiten: Gärtnerei- und Forstleute, Kräfte in Straßenreinigung und Abfallwirtschaft. […] Aber zurück zur Frage nach dem Tempo: Geld fehle, sagt Zapf-Rodríguez, zehn Millionen Euro ’strukturelles Defizit‘ jährlich. Personal fehle, allein schon fürs Wässern der jungen Bäumchen, die den Bestand des Frankfurter Stadtgrüns ausbauen sollen, aber im brutalen Sommer gleich wieder eingehen.
Fazit: Die Kosten für das Kunstwerk auf der Konstablerwache – die sich über die vorgesehene Nutzungsdauer von mehreren Jahren noch deutlich erhöhen werden – wären durchaus vertretbar, wenn die Stadt Frankfurt nicht das „strukturelle Defizit“ von 10 Mio. Euro zur Verbesserung des innerstädtischen Mikroklimas hätte. Entsprechende Maßnahmen – inklusive künstlerische Begleitmaßnahmen – wären auch eine Chance für Bürgerbeteiligung. Ein Hitzeaktionsplan besteht ja, aber Papier ist geduldig. Notwendig sind zivilgesellschaftliche Aktivitäten, wie hier mit Datum vom 17.8.26 angekündigt: Für eine kühlere und grünere Innenstadt: Neues Bürgerbegehren in Frankfurt auf dem Weg.
Anhang: Leserbrief in der FR
Am 24.8.26 wurden in der FR drei Leserbriefe zu dem Kunstwerk abgedruckt. Nachfolgend der Kommentar von Burghard Müller-Dannhausen aus Koblenz mit interessanten Vergleichen zu anderen deutschen Städten.
Das ist bloße Dekoration der urbanen Leere
Die Konstablerwache in Frankfurt hat eine neue Attraktion. Befragt man die Menschen, die sich hier einfinden, erfährt man, dass sie nicht deshalb von weit her gekommen sind, um hier ein Kunstwerk zu erleben, sondern um den Zwei-Millionen-Skandal zu besichtigen. Was ist hier los?
Vorausgeschickt sei, dass Frankfurt in den letzten Jahrzehnten viel für das Bild und für die Aufenthaltsqualität seiner Innenstadt getan hat. Ersteres sieht man, Letzteres spürt man. Im Großen und Ganzen scheinen die Bemühungen gelungen.
Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle Skandal um die Kunst auf der Konstablerwache befremdend.
Vorausgeschickt sei außerdem, dass Kunst im öffentlichen Raum ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen ist, weil sie einen urbanen Mehrwert liefert. Wir brauchen öffentliche Kunst. Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle Skandal empörend.
Es geht um zwei eklatante Fehlentscheidungen: um eine verfehlte Umsetzungsentscheidung. Und um eine verfehlte Finanzierungsentscheidung. Das Umsetzungsproblem ergibt sich aus der Schwierigkeit der Aufgabe. Die Konstablerwache als prominenter Platz im Stadtzentrum ist von je ein Problemfall. Die Fußgängerströme tangieren diesen Platz, kreuzen und benutzen ihn aber nicht, mehr noch, sie brauchen ihn nicht. So bleibt inmitten der gesichtslosen Nachkriegsbebauung eine große Leere. Dieses Schicksal teilt die Konstablerwache zum Beispiel mit dem Mannheimer Paradeplatz. Auch dort, im Stadtzentrum, wo sich die Verkehrswege kreuzen, gab es lange Zeit diesen leeren, toten Platz. Man hat ihn geschickt aufgewertet, gestaltet und begrünt. Heute ist er im städtischen Getriebe eine Oase, die angenommen und sogar gesucht wird. Es geht also, wenn man sich bemüht.
In Frankfurt hat man sich nicht bemüht. Man hat es sich bequem gemacht und die Aufgabe an einen internationalen Star delegiert. Das Ergebnis ist keine Aufwertung des Platzes, sondern nur eine Dekoration seiner Leere. Das trifft die Allgemeinheit sehr empfindlich. Denn der öffentliche Raum gehört uns allen. Und wir alle wünschen uns seine Pflege, seine Gestaltung und seine Sinnerweiterung durch Kunst, und zwar durch Kunst, die ihm angemessen ist, die auf ihn eingeht und ihn für die Wahrnehmung erschließt.
Nun zur Finanzierung. Bequemlichkeit hat ihren Preis. Die Medien haben es verkündet: in diesem Fall zwei Millionen Euro. Die Verantwortlichen haben sich dadurch Mühe erspart: Initiative, Ideen, Konzepte, eine Wettbewerbsauslobung und -betreuung. Zum Vergleich: Die Stadt Hannover hat im vergangenen Jahr zur Gestaltung der Prinzenstraße einen Wettbewerb für Kunst im öffentlichen Raum ausgelobt. Die Bedeutung der Aufgabe ist vergleichbar. Die Auslobungssumme beträgt nur 300.000 Euro. Man erfährt vonseiten der Stadt Frankfurt, dass die Kosten für das jetzt installierte Kunstwerk nicht aus dem laufenden Kulturetat stammen, sondern mit 1,2 Millionen Euro aus Überträgen aus den Vorjahren, die sonst verfallen würden, andererseits mit 800.000 Euro aus einem Nachtragshaushalt. Das macht den Skandal noch schlimmer. Öffentliche Gelder, die zu verfallen drohen, sind ein Zeichen für nicht geleistete Investitionen, also für Untätigkeit.
Öffentliche Gelder sind ein Auftrag des Steuerzahlers und der Steuerzahlerin, zu handeln. Zudem ist ein Nachtragshaushalt nichts anderes als Schuldenaufnahme. Was die Frankfurter Kulturdezernentin zu diesem Kunstereignis äußert, ist so beliebig und fadenscheinig wie das Kunstwerk selbst. Schade. Man hätte der faszinierenden Stadt Frankfurt etwas anderes gegönnt.



